gezielte Irritation

Christine Wirl (Magazin Training) recherchierte wann und warum Unternehmen systemische Beratung in Anspruch nehmen sollen, was damit erreicht wird und welche Kriterien den systemischen Ansatz vom inhaltsorientierten Ansatz unterscheiden. Lesen Sie hier einen Auszug aus diesem Beitrag:

Systemische Organisationsberatung ist ein Konzept, das vor allem in der Unternehmensberatung angewandt wird und davon ausgeht, dass sich komplexe Probleme nicht lösen lassen, wenn man die Aufmerksamkeit lediglich auf ein Element richtet.

»Wer von systemischer Organisationsentwicklung spricht, hat auch 2012 noch manchmal den Eindruck, dass der Gesprächspartner ›systematisch‹ meint, bemerkt Harald Preyer (Geschäftsführer Eucusa) und führt weiter aus: »Systemisches Denken und Handeln entspricht einer Haltung: Das System des Kunden ist das Expertensystem, das über Wissen, Erfahrungen und Bilder der eigenen Realität in hohem Maße verfügt. Die Aufgabe des Beraters ist es, dieses System zu spiegeln, mit unterschiedlichen Brillen zu betrachten und die Unterschiede transparent zu machen. Dadurch entsteht bewusste Irritation, die neues Denken und Handeln ermöglicht.«

Um jedoch Veränderung herbeiführen zu können, geht es nicht darum, die Regeln zu verstehen, denen ein System folgt. Das ist aus systemischer Sicht einem Außenstehenden auch gar nicht möglich. Es ist vielmehr wichtig, dem Kunden zu helfen, andere Perspektiven einzunehmen, um die eigenen Muster zu erkennen.


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Alexander Ahrer (Team | Vision – Systemische Organisationsentwicklung): »Wir benutzen dabei drei Dimensionen: die Zeit – indem wir das ›Immer‹ durch den Blick aus der Vergangenheit oder aus der Zukunft oder aus dem Jetzt ersetzen. Die Wahrnehmungsebene – um dabei zwischen dem Selbst, dem Gegenüber und dem Dritten wechseln zu können und die Interventionsebene – hier arbeiten wir mit der Identität, dem Verhalten, den Werten, der Umgebung etc.«

Systemische Organisationsberatung nutzt diese Dimensionen, indem sie dem Kunden hilft, die Perspektive innerhalb dieser Möglichkeiten zu wechseln und die Situation z. B. als »Dritter« aus der nahen Zukunft zu beurteilen: »Angenommen, Sie würden heute in einem Jahr auf die Situation blicken: Wie würde der Bereich Infrastruktur die Angelegenheit dann sehen?«

In der systemischen Organisationsberatung bedeutet das, dass Berater Unternehmen bei der Einführung von Systemdenken unterstützen, die Persönlichkeitsentwicklung des einzelnen Mitarbeiters fördern, beim Kennenlernen der eigenen mentalen Muster und der des Systems helfen, und gemäß dieser Vision beraten. Alexander Ahrer warnt: »Der Begriff systemisch ist im Beratungsbereich, der von einer Rhetorik des Neuen getrieben wird, zu einem Modewort avanciert. Unternehmen sind deshalb gut beraten, bei der Auswahl ihrer Berater auch einen prüfenden Blick auf die Grundlagen ihrer systemischen Kompetenz zu werfen.«

Systemische Beratung beruht nicht auf Antworten, sondern auf Fragen

Alexander Ahrer: Systemische Organisationsberatung stellt Beziehungen in den Mittelpunkt der Betrachtung: »Nicht Objekte sondern die Beziehungen zwischen den Objekten werden fokussiert, wodurch schnell bewusst wird, dass das allseits geliebte Ursache-Wirkung-Denken nicht mehr ausreicht, um das Verhalten von Organisationen zu beschreiben. Außerdem – systemische Beratung beruht nicht auf Antworten sondern auf Fragen. Durch gezielte Irritationen werden Systeme in ihren tief eingespurten Verhaltensmustern hinterfragt, um neue Informationen herzustellen und so der Veränderung eine Chance zu geben.«

Dr. Ruth Seliger (geschäftsführende Gesellschafterin train Consulting) sieht die Bedeutung einer systemischen Organisationsberatung darin, »dass Probleme, die in einer Organisation auftauchen, nicht nur bearbeitet werden, sondern zusätzlich auch als Anlass für weitere Entwicklung und Veränderung genützt werden. Es bedeutet auch, Probleme in ihrem größeren Zusammenhang zu sehen und nicht an einzelnen Symptomen zu arbeiten.«

Zeitpunkt und Themen

Christine Wirl: Ab welchem Zeitpunkt bzw. bei welchen Problemen soll ein Unternehmen systemische Organisationsberatung einholen?

Ruth Seliger: »Im Allgemeinen wird systemische Beratung dann in Anspruch genommen, wenn die traditionellen (auf Symptome oder einzelne Phänomene reduzierten) Beratungen nichts nützen und die Probleme immer wieder kommen. Oft ist systemische Beratung also der zweite Versuch. Manchmal gibt es allerdings auch Organisationen, die um die Kraft der systemischen Beratung wissen und erkannt haben, dass hinter den auftauchenden Problemen unproduktive Muster in der Kultur und der Kommunikation stecken. Diese sind hartnäckig und schwer zu verändern. Denn das ist die Stärke systemischer Beratung – mit diesen komplexen Themen umgehen zu können.«

Ruth Seliger zählt auf: »Bei immer wiederkehrenden Prozessen, die unproduktiv sind. Bei der Annahme, dass die Organisation selbst das Potenzial hat, diese Probleme zu lösen, allerdings nicht weiß, wie – dann ist systemische Beratung angesagt.«

Der Beginn systemischer OE

»Systemische Beratung beginnt schon im ersten Vorgespräch, im Rahmen des Contractings: Gezielte, methodisch fundierte Fragen am Beginn des Beratungsprozesses verhindern ein Auseinanderdriften der Vorstellungen und Wünsche des Kunden und der eigenen Möglichkeiten und Grenzen«, erklärt Alexander Ahrer.

Tools und Grenzen

Es gibt eine breite Palette an Tools, die bei systemischen Organisationsberatungen verwendet werden können, beginnend bei bestimmten Kommunikationsinstrumenten wie etwa speziellen Fragetechniken und die Arbeit mit kreativen Methoden, über Aufstellungen bis hin zu den Instrumenten von Großgruppen.

Das Hauptinstrument der systemischen Beratung ist laut Ruth Seliger die Wahrnehmungsfähigkeit, die Kompetenz zur Interpretation (Hypothesenbildung) und die Fähigkeit zur Intervention der Berater.

Alexander Ahrer zur Aufstellungsarbeit: »Aufstellungsarbeit wird immer wieder in engem Kontext mit systemischer Beratung gesehen. Meines Erachtens nach zu eng, hier ist Vorsicht geboten: Die Methode wurde aus der systemischen Familientherapie übernommen und wird in umfangreicher Literatur von Beginn an kontrovers diskutiert: Aufstellungsarbeit ist zweifellos systemisch. In der Organisationsberatung systemisch vorzugehen, bedeutet aber nicht zwangsläufig, mit dieser Methode arbeiten zu müssen. Das wird immer wieder falsch verstanden.«

Systemische Beratung zielt immer auf einen tief greifenden Wandel ab. Ruth Seliger: »Wir nennen das Musterwechsel. Man geht davon aus, dass es die oft unproduktiv geworden Muster sind, die Probleme machen. Die Grenzen liegen dort, wo dieser Ansatz entweder zu groß gedacht ist, Probleme also mit weniger Aufwand gelöst werden könnten,
oder wo die Organisation überstrapaziert wird. Aber es ist die Kunst der systemischen Beratung, ein gutes Maß zu finden für das, was man einer Organisation zumuten kann.«

»Davon ausgehend, dass die Beratung ausschließlich auf der Prozessebene stattfindet und nicht selbst in organisationsinterne Kommunikationen eingreift, kann jede denkbare Veränderung stattfinden«, sagt Alexander Ahrer. Und über die Grenzen meint er: »Die Grenzen der Organisationsberatung sind bereits an der Ausgangsbasis zu finden: Systeme sind nach außen hin abgeschlossen (wir sprechen von operativer Geschlossenheit) und daher gegen Veränderungsanstöße von außen weitgehend resistent. Systemische Organisationsberatung macht sich das Wissen darum zunutze und agiert aktiv mit den Mustern und Deutungen im Klientensystem.«
Um ein beliebtes Bild zu verwenden – Systemische Beratung versetzt uns quasi in einen Adlerhorst: Mit den Worten von Antoine de Saint Exupery: Um klar zu sehen genügt oft eine Veränderung des Blickwinkels